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Leseproben aus "1000 Tage Wohnmobil" |
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„Wenn
Sie durch den Tunnel fahren wollen, kostet das zehn Dollar, weil wegen Ihrer Höhe
und Breite der Verkehr in der Gegenrichtung gesperrt werden muß“, erklärt
uns der Ranger am Eingang zum Zion Nationalpark. Im alten Tunnel aus den 30er
Jahren wird es für zwei Wohnmobile amerikanischen Ausmaßes nebeneinander zu
eng. Der Einfachheit halber regelt man den Verkehr durch den Tunnel mit Ampeln,
und zwar immer, ganz gleich ob ein Wohnmobil durchfährt oder nicht. Weil aber
sehr viele Wohnmobile durch den Zion fahren, haben findige Köpfe eine zusätzliche
Einnahmequelle für Uncle Sams leere öffentliche Kassen entdeckt.
„Wir überschreiten nicht die erlaubten Maße! Unser Wohnmobil ist nur zwei
Meter siebenundzwanzig breit“. So schnell lassen wir uns das Geld nicht aus
der Tasche ziehen. Gestern haben wir am Eingang zum Kolob Canyon ein Faltblatt
mit den genauen Maßen in Fuß und in Zentimetern erhalten.
„Das ist ein Wohnmobil, und Wohnmobile sind breiter als zwei Meter vierzig“,
erklärt uns der Ranger schulmeisterhaft, so als handle es sich hierbei um ein
unumstößliches Naturgesetz.
„Das ist ein deutsches Wohnmobil, und deutsche Wohnmobile sind nicht so breit,
wir haben engere Straßen.“
„Aber es ist höher als erlaubt, und deshalb müssen Sie zehn Dollar
bezahlen!“ Jetzt fangen wir an, ihm auf den Keks zu gehen.
„Unser Wohnmobil ist nur drei Meter und zehn hoch.“
„Mit der Klimaanlage ist es höher als drei Meter vierzig!“ Auch das ist ein
amerikanisches Naturgesetz.
„Wir haben keine Klimaanlage!“
Jetzt streckt er den Kopf aus dem Fenster heraus, wirft einen ungläubigen Blick
nach oben – nun ja, zumindest das mit der Klimaanlage scheint auf den ersten
Blick zu stimmen. Aber zehn Dollar hin, zehn Dollar her, so schnell läßt er
sich doch sein gesamtes Weltbild nicht zerstören. Er greift sich einen
Zollstock und kommt höchstpersönlich aus seinem Kabäuschen heraus, um uns mit
Hilfe von wissenschaftlichen Foot und Inch von unserem Irrglauben zu überzeugen.
Zweimal mißt er die Breite nach, wirft nochmals einen zweifelnden Blick nach
oben – die Höhe zu überprüfen dürfte kompliziert werden, sein Zollstock
ist zu kurz, außerdem stauen sich hinter uns bereits die Autos – aber, wenn
einerseits schon der Grundsatz: „Ein
Wohnmobil ist immer breiter als zwei Meter
und vierzig“ nicht stimmt, könnte
es ja andererseits auch durchaus zutreffend sein, daß Wohnmobile mitunter
niedriger als drei Meter vierzig sind. Nachdem er diese Erkenntnis verinnerlicht
hat, klebt er uns, wenn auch zähneknirschend, einen rosa Sticker zur freien
Fahrt durch den Tunnel an die Windschutzscheibe...
...
Schroff heben sich die dunklen Zacken der Berge gegen den wolkenlosen Wüstenhimmel
ab. Sie wirken abweisend und faszinierend zugleich. Stachelige Chollas und
Prickly Pears wachsen an ihren Abhängen, und dazwischen recken mächtige
Saguaros[1]
ihre verzweigten Arme der gleißenden Sonne entgegen. Über einen dieser Abhänge
müßten sie jetzt eigentlich geritten kommen, jene Helden der alten Western,
die aufrechten Hauptes und edler Gesinnung am Ende der Story stets über das Böse
triumphieren und Recht und Gesetz zum Sieg verhelfen. Wir blicken uns um in
dieser Wildwestkulisse, blinzeln in die flirrende Hitze, aber von Clint
Eastwood, Charles Bronson & Co. ist nichts zu entdecken. Western sind nicht
mehr in.
Wir haben Phoenix auf dem Apache Boulevard verlassen, der aufgestaute Canyon
Lake liegt hinter uns, und unser Small Motorhome rollt auf dem Apache Trail,
einem uralten Pfad der Apachen, dem in späterer Zeit die Postkutsche folgte,
durch eine Wildwestlandschaft wie aus dem Bilderbuch. Hier, am Ende der Teerstraße,
liegt zwischen Kakteen und Mesquitesträuchern ein kostenloser Campground, Ziel
unserer heutigen Etappe. Und inmitten der stacheligen Vegetation scheint plötzlich
doch das alte Hollywood zu erwachen. Wie ein vergessener Statist taucht er plötzlich
in der Naturkulisse auf: Unter dem Cowboyhut mit der Adlerfeder quillt wallendes
Silberhaar hervor und den größten Teil seines Gesichts bedeckt ein grauer
Rauschebart. Ein stilechtes Cowboyhemd trägt er zu den ausgewaschenen
Bluejeans und die überdimensionale Silberbuckle am Gürtel ziert ein grimmiger
Adlerkopf. „Ich lese in
der Bibel“, begrüßt er uns. Dann erklärt er uns, daß er ein „Bum“ sei,
was so etwas ähnliches wie ein „Hobo“ wäre, ein Landstreicher und
Vagabund.
„Meine fünfte Frau war auch aus Germany“, erzählt er. „Aber jetzt bin
ich verwitwet, denn sie ist mit meinem 57-Fuß-Boot im Golf von Mexiko
untergegangen. Sie mußte sterben, weil sie nicht so gelebt hat, wie Gott es
wollte!“ berichtet er uns ganz ernsthaft. „Denn eines Tages hörte ich eine
Stimme, die sagte: ‚Verkauf Dein Boot und geh nach Arizona‘, aber meine Frau
wollte auf Gottes Stimme nicht hören. Jetzt habe ich kein Boot mehr und bin
alleine nach Arizona gegangen.“
Die reinste Hollywoodstory! Ob er am Ende dem Willen Gottes ein wenig
nachgeholfen hat? ...
...Man hat uns davor gewarnt, nach
dem Ende der Teerstraße den Apache Trail weiterzufahren, denn er wäre für
Motorhomes nicht geeignet. Aber reizen würde er uns natürlich schon. Unser
Hobo ist den Apache Trail schon gefahren. „Ist die Straße
wirklich so schlecht?“ wollen wir wissen. Er klappt seine Bibel zu, blickt
gottergeben zum Himmel und zuckt mit den Schultern: „Was ist schon schlecht?
Manchmal ist es ein wenig steil.“ Alles ist relativ. Wenn sein klappriger
alter Truck den Apache Trail überstanden hat, packen wir ihn mit unserem
soliden deutschen Gefährt auch.
Die schmale Gravelroad ist eine Straße der Superlative. In steilen Spitzkehren
windet sie sich abwärts, führt durch zerklüftete Canyons und über
kakteenbestandene Wüstenberge. Die altehrwürdigen Saguaros mit ihren
verzweigten Armen welche die enge Waschbrettpiste säumen, haben schon die
Eroberung des Westens miterlebt. Ich komme mir vor, als säße ich um 100 Jahre
zurückversetzt in einer Postkutsche. Mit angehaltenem Atem klammere ich mich
mit beiden Händen an Sitz und Haltegriff fest. Ich müßte weitaus kaltblütiger
sein, um das Szenario rechtschaffen bewundern zu können. Rechts der „Straße“
ragen überhängende Felsen in die Fahrbahn, und links geht es ohne Leitplanke
in die Tiefe. Im ersten Gang tastet sich Peter abwärts. Unsere
Durchschnittsgeschwindigkeit liegt bei ca. 10 km/h. Wenn uns nur niemand
entgegenkommt! Dann sind wir endlich unten! Nach der abenteuerlichen Brücke
wird die Piste wieder breiter, staubiges Waschbrett zwar, aber harmlos im
Vergleich zur zurückliegenden Achterbahnfahrt nach unten. Am Apache Lake, einem
Stausee des Salt River, reicht es uns für heute. Wir haben ganze 33 Kilometer
auf dem Tageskilometerzähler! Aber was ist schon schlecht? Wir möchten die
dramatischen Kilometer nicht missen - aber kein zweites Mal mehr fahren...
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... Sie
ist verdammt schmal, die MEX 1, und im Grunde besteht sie nur noch aus Schlaglöchern,
die gut und gerne dreißig, vierzig Zentimeter tief sind. An ihren ausgefransten
und abgebrochenen Seitenrändern geht es ohne Bankett oftmals einen Meter in die
Tiefe. Selbst bei drastisch reduzierter Geschwindigkeit und ohne Gegenverkehr
schafft es Peter nicht, allen Schlaglöchern auszuweichen.
Sicher, ab und zu wird die löchrige Teerdecke großflächig ausgebessert, wobei
der Verkehr kurzerhand über den nächsten Acker umgeleitet wird, aber meist müht
sich nur ein versprengtes Häuflein Arbeiter damit ab, die schlimmsten Löcher
in wahrer Sisyphusarbeit von Hand zuzuschmieren. Seit wir Ensenada hinter uns
gelassen haben, ist der Straßenzustand außerordentlich kritisch.
„Geh
mal vom Gas, da vorne ist irgendetwas los.“
„Wahrscheinlich Schlaglochflicker“ Peter läßt das Auto ausrollen.
„Nein Militär, die halten alle Wohnmobile an!“
Bewaffnete junge Männer in Uniform kommen auf uns zu. Sie signalisieren uns,
ebenfalls anzuhalten.
Aha, das ist also eine dieser lästigen Militärkontrollen, von denen uns
allenthalben berichtet wurde.
„Haben Sie Drogen oder Waffen?“ fragt uns einer der Uniformierten mit
wichtiger Miene.
„Nein, natürlich nicht!“
Das kann ja jeder behaupten! „Kontrolle!“ gebietet er, und ein zweiter
Uniformierter kommt mit schweren Militärstiefeln in unser Wohnmobil getrampelt.
Mit seinen schmutzigen Fingern beginnt er an unseren Schranktüren zu zerren. Er
kennt ja nur amerikanische Wohnmobile, die haben keine Schnappverschlüsse.
Erschrocken demonstriere ich, wie sich unsere Klappen öffnen lassen. Pflichtbewußt
wirft er einen Blick auf
Töpfe und Tassen, T‑Shirts und Jeans. „Eh, muchos libros!“ staunt er
beim Anblick unserer Reisebibliothek und blättert neugierig im Mexikoreiseführer.
Dann fällt ihm wieder ein, warum er hier ist. „Und was ist mit den Waffen?
Haben Sie keine Pistolas?“
„Nein, nein, wir sind aus Alemania, wir haben keine Pistolas, wir haben nur Bücher.“
„Aaah, Alemania!“ sein Gesicht verzieht sich zu einem breiten Grinsen. „Fußball
– Beckenbauer - sehr gut! Aber bei der Weltmeisterschaft werden wir euch
besiegen!“
Damit ist die Kontrolle beendet, und wir werden weitergewinkt. Im Amimobil vor
uns wird noch eifrig gesucht und debattiert. Im Weiterfahren entdecke ich einen
weiteren Uniformierten. Er hält eine lange Leine in der Hand, die quer über
die Fahrbahn läuft. Am anderen Ende der Leine ist, primitiv aber äußerst
wirksam, ein langes Nagelbrett befestigt! Gas geben und einfach durchfahren ist
bei solchen Kontrollen, auch wenn sie noch so häufig und lästig sind, nicht
angebracht ...
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Seit der Alaska Highway durchgehend geteert ist, mußte er das Prädikat „letzte
Herausforderung“ an den Dempster Highway abtreten, einer Stichstraße, an
deren Ende das Eskimostädtchen Inuvik liegt. In seiner Länge ist der Dempster
vergleichbar mit der Strecke von München nach Hamburg - laut dem Falk Autoatlas
sind das genau 775 Autobahnkilometer. Aber wieviele Städte und Dörfer liegen
entlang der Strecke? Wieviele Autobahnkreuze? Wieviele Abfahrten? Wieviele Rasthäuser,
Tankstellen? Wieviel Verkehr rauscht mehrspurig in beide Richtungen? Wieviele
Unfälle bekommt man während der langen Fahrt zu Gesicht? Wer Lust hat, kann ja
mal alles zählen.
Die Strecke Dawson City – Inuvik ist laut unserem Tacho 782 Kilometer lang.
Das sind 40 Kilometer Teer auf dem Klondike Highway bis zur Einmündung des
Dempster Highway – der Rest ist Schotter - 742 einsame, staubige und mitunter
auch recht rauhe und holprige Gravelkilometer, an deren Ende das Nest Inuvik
liegt.
Kreuzungen? Abfahrten? Rasthäuser? Tankstellen? Verkehr? Unfälle?
Man muß nicht viel zählen am Dempster Highway. An seiner Einmündung liegen
eine Tankstelle mit Werkstatt, auf halber Strecke ein Hotel mit Tankstelle, bei
km 550 und 608 zwei Indianerdörfer, das erstere mit Tankstelle und Werkstatt,
eine Hand voll Campgrounds gleichmäßig an der Strecke verteilt, ein paar
Viewpoints, das Polarkreismonument, das Grenzmonument, das den Yukon von den
Northwest Territories trennt. Ach ja, und zwei Flußüberquerungen – über den
Peel River und über den MacKenzie. Im Sommer per Fähre, im Winter ganz simpel
über den zugefrorenen Fluß.
Und in der Übergangszeit? Wenn es taut? Oder wenn das Eis noch nicht fest genug
ist?
Pech gehabt! Muß man halt warten.
Verkehr?
Kaum vorhanden. Ein paar Wohnmobile, ein paar Trucks, ein paar eiserne
Radfahrer.
Unfälle?
Keine.
Nur Plattfüße – einen davon haben wir.
Letzte Herausforderung? Für die Reifen bestimmt, da besteht kein Zweifel. Und
das Auto sollte technisch auch in Ordnung sein. Eine Panne wäre zwar nicht gefährlich,
könnte aber verdammt teuer werden – 5$ Abschleppgebühr pro Kilometer plus
Anfahrt für den Truck. Letzte Herausforderung? Die Autobahn von München nach
Hamburg ist um ein Vielfaches gefährlicher.
Uns
zieht der Dempster Highway vom ersten Kilometer an in seinen Bann. Bei
strahlendem Sonnenschein verwöhnt er uns mit überwältigenden Ausblicken auf
die unberührte Weite und Großartig des Yukon. Bis zu den Tombstone Mountains
begegnen wir noch einigen Autos, aber die meisten machen an diesem View Point
kehrt. Es scheren ohnehin nicht viele aus der RV-Armada des Alaska Highways aus,
um nach Dawson City zu fahren - aber in die rauhe Abgeschiedenheit des Dempster
Highways verschlägt es noch weniger. Menschenleere Wildnis und Einsamkeit
umgeben uns – wir fühlen und erleben sie mit allen Sinnen. Keine Straße wird
sich uns stärker einprägen - obwohl an ihrem Verlauf keine jener spektakulären
„Highlights“ liegen, die Profifotografen so gerne für Hochglanzkalender und
Reiseführer ablichten. Die Wirkung dieser Schotterstraße durch Einsamkeit und
Weite ist subtiler. Wir fahren sie eigentlich gar nicht um nach Inuvik zu kommen
– das Nest an der Deltamündung des MacKenzie River hat wenig Interessantes zu
bieten. Wir fahren den Dempster um seiner Selbst willen. Der Weg ist das Ziel.
Ein
gutes dreiviertel Jahr später treffen wir übrigens in Neuseeland einen
kanadischen Golflehrer, der einst als Croupier in Diamont Tooth Gertie’s
Spielkasino in Dawson City seine Brötchen verdient hatte, bevor er seiner
neuseeländischen Ehefrau ins lieblich-schöne Neuseeland folgte. Mit Wehmut erzählt
er uns, wie sehr er die offene Weite Alaskas und des Yukon vermisse. Wer den
Dempster Highway nicht befahren hat, wird ihn nicht verstehen können...
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Der durchschnittliche Neuseelandtourist hält sich während seiner knapp
bemessenen Urlaubswochen bevorzugt an Routen, welche von Tourismuspezialisten
ausgetüftelt wurden, und die so ziemlich alle Highlights beinhalten, welche
„man gesehen haben muß“. Gemessen an europäischen Urlaubsgebieten ist der
Verkehr auf diesen Hauptstrecken im Grunde noch immer harmlos, und der Trubel -
auch wenn wir genervt aufstöhnen – im Vergleich zu Europa, gering. Biegt man
jedoch ab von den Hauptstrecken, nimmt eine der engen Nebenstraßen unter die Räder,
ist man fast augenblicklich alleine auf der Welt. Abseits der Touristenstrecken
und der „Muß-Highlights“ ist Neuseeland keinesfalls weniger schön – nur
ruhiger. Staus kann es mitunter trotzdem geben - so ein, zwei oder vielleicht
drei Fahrzeuge lang, wenn nämlich plötzlich eine Schafherde die Straße
entlangtrottet, weil der Schaffarmer auf dem Geländebuggy mit tatkräftiger
Unterstützung von zwei oder drei Border Collies die blökenden Wollknäuel von
einer abgeweideten Viehweide auf frisches, saftiges Grün treiben will.
Auf die Mietmobile von Britz und Maui trifft man höchst selten, wenn man, wie
wir, die Rennstrecke, die an den überfüllten Bays und den Pupu Springs, den größten
Süßwasserquellen der Erde entlangführt, verläßt, um gemächlich am Motueka River entlang, landeinwärts
zu kurven. Und wenn man dann auch noch einer holprigen Fahrrinne zum Fluß
hinunter folgt, dann campen dort unten garantiert keine Touristen, sondern
wohnmobile Kiwis. Daphne und Robin heißen sie und kommen aus Invercargill. Von
ihnen erfahren wir, wie Kiwirentner vor dem Winter flüchten. Wie alle Kiwis
sind zwar auch Daphne und Robin davon überzeugt, daß ihr Neuseeland das schönste
Land der Welt sei – wenn da nicht der gräßlich lange, kalte und nasse Winter
wäre. Einfach nur von Süd nach Nord zu ziehen ist wenig hilfreich - auf der
Nordinsel ist es im Winter nicht viel wärmer und es regnet meist ohne Unterlaß.
Neuseeländische Schneevögel müssen der Sonne und der Wärme wegen schon bis
nach Australien flattern. Weil aber beide Länder doch eine ganze Menge Wasser
trennt, haben Daphne und Robin statt eines Hauses zwei Wohnmobile – eines in
Neuseeland und eines in Australien. Als 100%ige Wohnmobilisten beäugen sie natürlich
auch unseren Camper neugierig von allen Seiten. „Wirst sehen“, unkt Peter,
„gleich stehen sie vor der Tür und wollen in unser Wohnmobil hineinsehen.“
Aber so plump ist Daphne nicht, sie erreicht ihr Ziel mit einer viel
raffinierteren Methode. Als sie ihre Neugier nicht mehr zügeln kann, fragt sie
ganz beiläufig: „Möchtet ihr nicht mal sehen wie ein Kiwicamper von innen
aussieht?“
Was macht man da als höflicher Tourist? Dankend ablehnen und sagen, daß man
schon bald ein Dutzend gesehen hätte? Unmöglich!
Die Besichtigung von Daphnes Camper bleibt allerdings nicht folgenlos. Peter,
der Sportbegeisterte, entdeckt unter einer Sitzgruppe ein Golfbag. Längst hat
er festgestellt, daß in Neuseeland beinahe jedes noch so winzige Nest seinen
Golfplatz hat. Und weil er sich, außer vielleicht fürs Briefmarkensammeln, so
ziemlich für jede nur denkbare Sportart interessiert, erteilt ihm Daphne nach
der Besichtigung unseres Wohnmobils einen ausgiebigen Einführungsunterricht in
die Kunst des Golfspielens. Als sie ihm allerdings später auch noch das Angeln
beibringen will, verzichtet Peter dankend; die Erinnerung an die kopflos
zappelnden Fische vom Whangaimoana Beach ist noch zu frisch ...
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Der Körper ist entspannt, die schmutzige Wäsche in der Campingplatz-Laundry
gewaschen, die Wirkung des Filters im Gehirn hat sich erschöpft; wir lechzen
nach Ruhe und Erfrischung und haben dem Trubel am warmen Pool den Rücken
gekehrt. Ruhe verspricht der abgelegene, weitläufige Nationalpark-Campground,
Erfrischung der Roper River, an dessen Verlauf durch den Park mehrere
Badestellen liegen sollen.
Exotisch grün schlängelt sich der Fluß durch den Elsey Nationalpark. Palmen
und Eukalyptusbäume säumen seine Ufer, Kakadus und Sittiche liefern mit ihrem
Geschrei und Gekreisch den passenden Dschungel-Sound.
Zuerst sticht mir das braune, undefinierbare Zeug ins Auge, das vereinzelt,
teils in Teppichen auf der grünen Wasseroberfläche schwimmt. Abwässer? Nein,
die sehen anders aus. Misstrauisch mustern wir das schlammige Ufer, das Wasser,
das keinen Blick zum Grund durchläßt. Irgendwie trauen wir uns in die grüne
Brühe nicht so recht hinein. Wenn es nur nicht so schrecklich heiß wäre ...
Dann entdecke ich das Schild: Im Roper River gibt es Süßwasserkrokodile!
„Ja, natürlich gibt es Süßwasserkrokodile im Fluß. Aber die Freshies[2]
sind vollkommen harmlos“, klärt uns der Ranger am Campingplatz auf. „Im
Gegensatz zu den gefährlichen Salties, den Salzwasserkrokodilen[3],
werden die nur maximal zweieinhalb bis drei Meter lang!“
Ach, so klein sind die Tierchen, das ist ja ungemein beruhigend!
„Wenn die so harmlos sind, warum stellt ihr dann Warnschilder auf?“
„Das verlangt das Gesetz. Aber Freshies fressen nur Fische und Kleingetier,
und sie gehen erst am Abend auf Beutefang. Deshalb darf man in der Dämmerung
nicht mehr zum Baden gehen. Tagsüber ist Schwimmen völlig ungefährlich.
Freshies sind so scheu, daß man sie gar nicht zu Gesicht bekommt“, und zur
Bekräftigung seiner Worte drückt uns der Ranger einen Lageplan mit den besten
Badestellen in die Hand.
Unterhalb des Campgrounds sind Badepontons im Fluß verankert. Man könnte
wirklich ganz bequem über Leitern ins Wasser. Es schwimmen auch schon ein paar
Aussies in den grünen Fluten herum, und die Kids schubsen sich gegenseitig
kichernd und spritzend ins kühle Naß. Von den Krokos ist nichts zu sehen. Es
ist wirklich höllisch heiß, und das braune Zeug, das am Ufer herumschwimmt,
sollen ja auch nur harmlose Algen sein ...
Das Schwimmen im Fluß ist ein Hochgenuß! Ein wenig ungewohnt, weil man im grünen
Wasser nicht sieht, was unter einem ist, und weit weg vom rettenden Ponton
getrauen wir uns auch nicht. Es könnte ja immerhin möglich sein, daß plötzlich
ein drei Meter kurzes Freshie außerplanmäßig Appetit auf zarte Germans
bekommt ...
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Es gibt ja fast nichts, was richtige Wissenschaftler nicht des Erforschens wert
fänden, aber so richtig interessant wird etwas erst, wenn es bereits
ausgerottet, ausgestorben, oder zumindest vom Aussterben bedroht ist. Man denke
nur an die Dinosaurier. Dankbare Studienobjekte sind auch bedrohte Naturvölker,
weshalb sich Ethologen, Ethnologen und sonstige Gelehrte mit Vorliebe bei den
letzten Yanomamis am Amazonas tummeln.
Seit die Aborigines in Australien nicht mehr zum Abschuß freigegeben sind und
sich deshalb wieder vermehren, sind sie statt interessant eher lästig. In
Tasmanien allerdings, wo man mit dem Ausrotten wesentlich gründlicher war, hat
die letzte reinrassige tasmanische Aboriginesfrau bereits 1876 das Zeitliche
gesegnet. Ihr Skelett gelangte daraufhin posthum zu allerhöchsten Ehren und
wurde im Dienste der Wissenschaft genauestens gewogen, vermessen und studiert.
Ebenso erging es dem Tasmanischen Tiger, der eigentlich kein Tiger, sondern ein
Beutelwolf ist, bzw. war. Seit das letzte Exemplar in den Dreißiger Jahren in
einem Zoo in Hobart einging, ist diese Spezies vom Schafe reißenden Untier
schon beinahe zum Wappentier aufgestiegen und ziert neuerdings sogar tasmanische
Autonummern. Allerdings hofft die Wissenschaft, daß in der undurchdringlichen
Wildnis Westtasmaniens noch einige Exemplare zu Studienzwecken überlebt haben könnten.
Berichten zufolge soll nämlich immer wieder einmal ein Tasmanischer Tiger
gesichtet worden sein. Auch Peter mit seinem Faible für Rares und Seltenes ist
ganz wild auf einen dieser falschen Tiger. Ihm reicht jedoch einer aus Blech,
weshalb er gleich am nächsten Morgen nach unserer Ankunft im tasmanischen
Devonport beim Service Tasmania aufkreuzt, wo Autos angemeldet, und die Schilder
abgemeldeter Autos abgegeben werden müssen. Die Story vom Wohnmobil-Weltreisenden,
der solch seltene Licence Plates wie den Eisbären aus den kanadischen Northwest
Territories sammelt, beeindruckt die Tassie-Beamten ungemein. Auch, daß er an
den Nummernschildern der dicht besiedelten Staaten wie Victoria oder New South
Wales nicht interessiert ist, schmeichelt die Bewohner der kleinen Apfelinsel.
Nur – sie dürfen die Schilder nicht einfach so herausrücken, das wäre
illegal. Wenn Peter ein Paar mit den begehrten Tasmanischen Tigern haben möchte,
bräuchte er eine offizielle Sammlerlizenz! Ein Paar? Wer redet denn von einem
Paar? Peter will doch nur ein einziges, als Souvenir an das schöne Tasmanien!
Ja wenn das so ist, ist die ganze Sache nur noch halb so illegal - und mit den
besten Wünschen für das bevorstehende Weihnachtsfest greift die Beamtin hinter
sich ins Regal und drückt Peter ein besonders gut erhaltenes Exemplar mit dem
begehrten Tiger in die Hand. Die Tassies haben daraufhin vom ersten Tag an bei
Peter einen dicken Stein im Brett...
[1] Kandelaberkakteen
[2]
Freshies von fresh water = Süßwasser. Süßwasser- bzw. Johnstonkrokodile
sind endemisch und haben ihr Verbreitungsgebiet in den Flüssen, Teichen und
Seen der nördl. Regionen
[3]
Das gefährliche Leisten- bzw. Salzwasserkrokodil, auch estuarine crocodile
genannt, wird bis zu sieben Meter lang, lebt an Mangrovenküsten und Flussmündungen
von Rockhampton in Queensland bis Broome in Westaustralien und wandert
teilweise weit Flußaufwärts ins Hinterland.
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