… Dabei vermisst er eine Flimmerkiste im Grunde gar nicht. Er liest sich durch Bücher am laufenden Meter, kämpft ab und an gegen den Schachcomputer und unser Informationshunger wird von der Deutschen Welle gestillt.

Eigentlich wäre er ja auch rundum zufrieden, gäbe es da nicht ein Ereignis, bei dem er selbst im fernen Alaska live dabei sein möchte. Eine geraume Zeit lang tigerte er deswegen in Oregon und Washington von Wal-Mart zu K-Mart und dann wieder zu Radio Shack und überlegte ernsthaft, sich ein kleines amerikanisches Fernsehgerät zu kaufen. Bis er erfuhr, dass die Fußballweltmeisterschaft nur über Satellit gesendet wird, er also eine ”Schüssel” bräuchte und einen längeren Vertrag abschließen müsste.

Schließlich musste er sich damit zufrieden geben, die Ergebnisse hinterher im Radio zu erfahren. Aber kann ein echter Sportfan seelenruhig durch die Wildnis gondeln, wenn das Spiel Deutschland gegen Kroatien live im amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt wird? Peter kann es nicht.

Aber selbst wenn Fußballweltmeisterschaft ist - irgendwo müssen wir campen - auch in Anchorage. ”In Anchorage stellt ihr euch einfach zum Wal-Mart an der Dimond Mall”, haben uns Uwe und Giggi empfohlen, und nachdem wir unseren Scheck bei der Bank of America abgegeben haben, kutschieren wir auf dem Seward Highway stadtauswärts.

”Bevor wir uns am Wal-Mart häuslich einrichten, will ich aber noch schnell in den Supermarkt”, sage ich zu Peter, als er vom Highway abbiegt.

”In den Supermarkt? Um Himmels Willen, nein! Das kannst du morgen auch noch machen. Wir kriegen ja sonst keinen Platz mehr.”

Alle Wetter, ist das ein Kaufhausparkplatz? Der halbe Platz ist ja bereits vollgeparkt mit Wohnmobilen und Wohnwagen. Die ”wilden” Camper haben die Wohnwagenstützen heruntergekurbelt, die seitlichen ”Balkons” ausgefahren und sitzen auf Campingstühlen vor dem Mobil in gemütlicher Runde.

Quer durch ganz USA treffen sich vor dem Wal-Mart ja immer ein paar Wohnmobile zum Übernachten, und wenn wir in einer Stadt sind und nichts Besseres finden, stellen wir uns kurzerhand dazu, aber der Wal-Mart-Parkplatz in Anchorage gleicht eher einem überfüllten Campground als einem Kaufhausparkplatz. Da sind selbst wir sprachlos.

Wal-Mart liegt mit den örtlichen RV-Parks im Dauerclinch”, hatte uns heute Morgen beim Tanken eine ehemalige Bambergerin erzählt, die ihrem amerikanischen Ehemann nach Alaska gefolgt war. ”Die möchten nämlich, dass die Firmenleitung das Übernachten auf dem Kaufhausgelände verbietet. Aber die Wal-Mart-Leute sagen: ‘Warum sollen wir die Camper vertreiben? Die kaufen bei uns ein!” Und fix und clever erweiterten sie ihr übliches Sortiment um Unmengen an typischen Alaska-Souvenirs. Sehr zum Ärger der Andenkenläden in der Stadt - denn die T-Shirts, Pullover und Eskimomesser sind im ”Camping-Kaufhaus” deutlich billiger ...

... Ans Einkaufen denkt Peter heute nicht, er grübelt noch immer über das Problem nach, wo er wohl morgen fernsehen könnte. Erst am nächsten Morgen kommt ihm die zündende Idee: Warum nicht gleich zu Wal-Mart in die Fernsehabteilung gehen? Bestimmt kann ihm ein Verkäufer einen der vielen Fernseher auf das gewünschte Programm schalten und gleich darauf marschiert er guten Mutes los.

In Amerika ist der Kunde König und deshalb würde man ihm bei Wal-Mart wirklich sehr gerne helfen - nur leider haben sie hier kein Kabelfernsehen, weshalb nur die örtlichen Sender über den Bildschirm flimmern. Aber drüben, auf der anderen Seite des Highways, bei K-Mart, da haben sie Kabel - und wenn man in Amerika einem Kunden nicht weiterhelfen kann, schickt man ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, zur Konkurrenz. Wenn’s sein muss mit einem handgezeichneten Lageplan, damit König Kunde sein Ziel nicht verfehlt.

Drüben bei K-Mart, wo sich selbstredend auch ein gutes Dutzend Camper eingenistet hat, flimmert natürlich etwas anderes über die Bildschirme. An German Soccer ist in Alaska niemand interessiert und der Verkäufer muss erst den Manager holen, und der ruft dann seinerseits den Techniker, weil nämlich sämtliche Apparate zusammengeschaltet sind und erst eine größere Umstellaktion vonnöten ist. Aber kurz darauf flimmert für König Peter über sämtliche 41 Fernsehapparate das ersehnte Fußballspiel. Letztendlich hat aber der Aufwand mit den 41 Fernsehern doch nichts genützt - Deutschland hat trotzdem verloren …

 

... Also gut, das mit dem Fußball ist jetzt vorbei. Wenden wir uns wieder den praktischen Dingen des Lebens zu. Dem Einkaufen zum Beispiel. Wir haben es ja nicht weit. Schließlich kaufen auch wir immer bei Wal-Mart ein, wenn wir vor seinen Toren campen. Mal Motoröl, mal Campingartikel, mal Kaffee, was man eben so braucht auf Reisen. Heute liegen zwei Fleecepullover in unserem Einkaufswagen, aber bevor wir zur Kasse schieben, macht Peter wie üblich einen Umweg zur Sportabteilung, genauer gesagt, zu den Angeln. In langen Reihen gibt es hier alles, was das Herz des Petrijüngers begehrt: Vom High-Tech-Gerät für den Profi bis zur kleinen, billigen Kinderangel für den Nachwuchs. Sobald nämlich kleine Amerikaner und Kanadier alt genug sind, dass sie sich einigermaßen sicher auf ihren zwei Beinen bewegen können (wie wir später festgestellt haben, gilt das auch für kleine Neuseeländer und Australier), bekommen sie eine Angel in die Hand gedrückt und werden von Vater oder Großvater in die Kunst des Fischens eingeweiht. Fangbeschränkungen und Ähnliches sind jeweils am örtlichen Gewässer angeschlagen und mehr als eine Lizenzgebühr für den jeweiligen Staat wird nicht verlangt. Fischen ist die Freizeitbeschäftigung schlechthin.

Peter wandert ratlos vor den langen Dingern auf und ab, besieht sich das Zubehör, die tausenderlei Haken und Blinker und was man sonst noch braucht, um einen Fisch aus seinem Element zu holen. ”Wenn ich etwas mehr Ahnung von der ganzen Sache hätte, würde ich mir vielleicht doch eine Angel kaufen.”

”Warum nicht, du weißt doch, wie leidenschaftlich gerne ich Fisch esse.”

Peter begutachtet ein Sonderangebot: ”20 $ das komplette Set - da kann man eigentlich nicht viel falsch machen. Das Problem ist nur, falls ich im Falle eines Falles wirklich etwas fange: Wer nimmt den Fisch vom Haken? Wer tötet ihn? Und wer nimmt ihn aus?”

Das sind die Fragen, die schon seit Monaten ungeklärt in der Luft schweben, und weil wir sie auch heute nicht beantworten können, rollen wir am nächsten Morgen ohne Angel mitten hinein ins Eldorado der Petrijünger ...

 

... Die Invasoren, die in ihren mobilen Luxushäusern über den Alaska Highway gerollt kamen, haben nur ein Ziel vor Augen: Lachse fischen! So viele wie möglich! Am liebsten den edlen King Salmon. Das allerdings kollidiert mit den Interessen des Alaskalachses, dessen Ziel darin besteht, am Ende seines Lebens für eine neue Lachsgeneration zu sorgen, was gar nicht so leicht ist, denn der Lachs lebt ein gefährliches Leben.

Nachdem er irgendwo in einem eisigen Flüsschen in Alaska aus dem Ei geschlüpft ist, sind die meisten seiner Brüder und Schwestern nämlich schon irgendwelchen Räubern zum Opfer gefallen. Den kleinen Lachs zieht es nun flussabwärts zum Meer, wo er ein paar Jahre lang frisst, wächst und gedeiht. Wenn er allerdings Pech hat, landet er zusammen mit seinen Artgenossen zuerst in einem großen Netz und später in einer Supermarktkühltruhe. Hat er aber Glück und überlebt, dann zieht es ihn nach etwa drei Jahren unwiderstehlich zurück an die Stätte bzw. den Fluss seiner Geburt zum Laichen.

Das Wunder der Evolution hat den Lachs so stark und geschickt werden lassen, dass er flussaufwärts stärkste Strömungen, Stromschnellen und Katarakte überwinden kann. Aber an den kleinen Wasserfällen lauern hungrige Grizzlies auf die Lachse. Hat der Lachs Pech, wird er in den Eingeweiden eines Bären zu Winterspeck verarbeitet. Hat er die Gefahr überstanden und ist an den Grizzlyklauen vorbeigesprungen, zieht er weiter flussaufwärts.

Plötzlich stößt er auf ein Hindernis, für das die Evolution keine Lösung parat hat: eine undurchdringliche Mauer aus grünen Stiefeln versperrt ihm den Weg. Und in den grünen Stiefeln, die in wasserdichten Hosen münden, stecken Menschen. Neben zwei Beinen haben sie auch noch zwei Hände - in der einen halten sie eine Angel und in der anderen einen Käscher. Und irgendwann hängt der arme Lachs, der so viele Gefahren überstanden hat, an einer Angel. Er beendet sein Leben, ohne dass es ihm gelungen wäre, sich zu vermehren. Und wenn er nicht noch am selben Abend auf dem Grill landet, wird er ausgenommen, filetiert, in Plastik verpackt und rollt eingefroren in geräumigen RV-Tiefkühlfächern am Ende des Sommers zurück nach Süden.

 

Als wir langsam am türkisfarbenen Russian River entlangrollen, haben wir zuerst nur Augen für die Landschaft. Die Lachse, die noch ungehindert flussaufwärts schwimmen, können wir nicht sehen. Wir wundern uns nur, warum die Straße zu beiden Seiten zugeparkt ist, und warum an den kleinen Forest Campgrounds große Schilder mit der Aufschrift stehen: Campground full. Und dann sind sie auch noch auf wenige Tage limitiert. Was ist hier los?

Plötzlich begegnen wir einem Wesen, das in einem unförmigen Gebilde steckt, einem Zwischending aus Hose und Stiefeln, das ihm bis unter die Achseln reicht. Es schleppt in seinen Händen Angelruten und Käscher, Eimer und Utensilienkästen, und stapft schweren Schrittes zum Flussufer. Und dann erblicken wir die ”Mauer” aus grünen Anglerhosen, aus vorschnellenden Angelruten und glänzenden Nylonleinen. Nein, hier kommt kein Lachs mehr durch.

”Also wenn ich mich hier mit der Zwanzigdollarangel ans Ufer gestellt hätte...” brummelt Peter, ”hätte ich für allgemeine Heiterkeit gesorgt.” Aber ich höre schon gar nicht mehr richtig, was er sagt, denn ich sprinte zum Wohnmobil zurück und hole die Kamera.

Wenn die Wathosenträger mit ihrem Fang aus dem Wasser stapfen, werden sie von einer Beamtin der Fischereibehörde ins Visier genommen. Die Spezies Lachs wäre nämlich längst ausgestorben, wenn die Lachs-Fans nicht über kurz oder lang im eisigen Wasser kalte Füße bekämen, und die Fischereibehörde der Evolution nicht mit Aufzuchtanstalten und strengen Regeln auf die Sprünge helfen würde. Ohne Tageslizenz darf niemand seine Angel ins Wasser hängen, der Haken darf eine bestimmte Größe nicht überschreiten und mehr als drei Lachse dürfen pro Tag und Nase nicht gefangen werden ...

 


Am Worthington Gletscher, Alaska