Leseprobe aus: "Tausend Tage Wohnmobil -

- In drei Jahren durch Amerika, Australien und Neuseeland"

 

Baja California

Mit dem eigenen Wohnmobil durch die Baja California

Sie ist verdammt schmal, die Mex 1, und im Grunde besteht sie nur noch aus Schlaglöchern, die gut und gerne 30 cm tief sind. An ihren ausgefransten Seitenrändern geht es oftmals einen Meter in die Tiefe. Selbst bei drastisch reduzierter Geschwindigkeit und ohne Gegenverkehr schafft es Peter nicht, allen Schlaglöchern auszuweichen.

Ab und zu wird die löchrige Teerdecke großflächig ausgebessert, wozu der Verkehr kurzerhand über den nächsten Acker umgeleitet wird, aber meist müht sich nur ein versprengtes Häuflein Arbeiter damit ab, die schlimmsten Löcher in wahrer Sisyphusarbeit von Hand zuzuschmieren. Seit wir Ensenada hinter uns gelassen haben, ist der Straßenzustand außerordentlich kritisch.

"Geh mal vom Gas, da vorne ist irgendetwas los."

"Wahrscheinlich Schlaglochflicker" Peter lässt das Auto ausrollen.

"Nein Militär, die halten alle Wohnmobile an!"

Bewaffnete junge Männer in Uniform kommen auf uns zu. Sie signalisieren uns, ebenfalls anzuhalten.

Aha, das ist also eine dieser lästigen Militärkontrollen, von denen uns allenthalben berichtet wurde.

"Haben sie Drogen oder Waffen?" fragt uns einer der Uniformierten mit wichtiger Miene.

"Nein, natürlich nicht!"

Das kann ja jeder behaupten! "Kontrolle!" gebietet er, und ein zweiter Uniformierter kommt mit schweren Militärstiefeln in unser Wohnmobil getrampelt. Mit seinen schmutzigen Fingern beginnt er an unseren Schranktüren zu zerren. Er kennt ja nur amerikanische Wohnmobile, die haben keine Schnappverschlüsse. Erschrocken demonstriere ich, wie sich unsere Klappen öffnen lassen. Pflicht­ bewusst wirft er einen Blick auf Töpfe und Tassen, T-Shirts und Jeans.

"Eh, muchos libros!" staunt er beim Anblick unserer Reisebibliothek und blättert neugierig im Mexikoreiseführer. Dann fällt ihm wieder ein, warum er hier ist. "Und was ist mit den Waffen? Haben sie keine Pistolas?"

"Nein, nein, wir sind aus Alemania, wir haben keine Pistolas, wir haben nur Bücher."

"Aaah, Alemania!" sein Gesicht verzieht sich zu einem breiten Grinsen. "Fußball - Beckenbauer - sehr gut! Aber bei der Weltmeisterschaft werden wir euch besiegen!"

Damit ist die Kontrolle beendet, und wir werden weitergewinkt. Im Amimobil vor uns wird noch eifrig gesucht und debattiert. Im Weiterfahren entdecke ich einen weiteren Uniformierten. Er hält eine lange Leine in der Hand, die quer über die Fahrbahn läuft. Am anderen Ende der Leine ist, primitiv aber äußerst wirksam, ein langes Nagelbrett befestigt! Gas geben und einfach durchfahren ist also bei solchen Kontrollen, auch wenn sie noch so häufig und lästig sind, nicht angebracht!

Alle 100 bis 200 km sind diese Militärkontrollen postiert - die vielen Wehrpflichtigen im kinderreichen Mexiko müssen beschäftigt werden. Außerdem kann man auf diese Weise auch die ungeliebten Amerikaner ein wenig ärgern - natürlich nicht zu sehr - gerade nur soviel, dass sie nicht wegbleiben und ihr Geld woanders ausgeben. Weil natürlich jeder Gringo erst mal für einen US-Amerikaner gehalten wird, steht vorne und hinten an unserem Wohnmobil ganz groß "Alemania". Auch die Kanadier kleben übrigens demonstrativ ihr Ahornblatt an die Windschutzscheibe - Deutsche haben jedoch in Mexiko einen Sonderbonus...

 

...Derweil ist vorn in der Bucht schon wieder großer Betrieb. Wir schnappen uns die Kamera und tigern neugierig los. Am Strand liegt ein halbes Dutzend Boote. Aber es sind nicht jene simplen Kähne, mit denen Fischer normalerweise zwecks Broterwerb auf Fang gehen. Haben einige doch herausgefunden, dass es wesentlich einträglicher und praktischer ist, die reichen Gringos ihre Fische selbst angeln zu lassen, anstatt ihnen den mühsam dem Meer abgerungenen Fang um drei Ecken und Zwischenhändler herum zu verkaufen. Man braucht dazu nur einen Drehsitz in den vorhandenen Kahn einzubauen, schraubt eine stabile Befestigung für ein Dutzend Angelruten dran und schippert alsdann die Gringos zum abgemachten Tarif aufs Meer hinaus. …Das Risiko des schlechten Fangs liegt dabei auf Seiten der Américanos.

Ja natürlich, ein dickes Fell kann bei diesem Geschäft nicht schaden, muss man doch die Yankees anschließend gebührend bewundern, wenn sie am Strand stehen und sich in Heldenpose mit ihrem Fang ablichten lassen. Und dann muss man die Fische natürlich auch ausnehmen und filetieren. Außerdem sollte man auch tunlichst eine ergebene Lakaienmiene aufsetzen, denn mitunter sind, so wie heute, absolut arrogante Typen von der unsympathischen Sorte dabei.

Den Pelikanen und Möwen ist das alles egal. Sie streiten sich lautstark um die Abfälle. Und wir stehen da, halten Kamera und Fernglas in der Hand und beobachten unangenehm berührt die krasse Szene. Sie erinnert uns an Südafrika. Dort haben reiche Buren zum Fische säubern ihren Negerboy dabei.

Unseren Mägen sind die tiefschürfenden Gedanken über reiche Amis und arme Mexikaner schnurzegal. Beim Anblick von soviel Fischfilet beginnen sie prompt zu knurren. Wir marschieren zurück zum Wohnmobil, wo wir feststellen, dass unsere Solardusche schlapp und leer an der Befestigung baumelt - der Sprühschlauch liegt am Boden. Vermutlich hat ihn jemand abgezogen, damit unser Wasservorrat schneller zur Neige geht. Wir lassen uns dadurch nicht verdrießen und heizen hungrig den Gasgrill. Das Filet vom Stachelrochen schmeckt delikat. Nur Peter, der das Filet noch als richtigen Rochen gesehen und auch miterlebt hat, wie er zerlegt wurde, isst mit gedämpftem Appetit.

Abends steht wieder ein Besucher vor unserem Wohnmobil. Der junge Mexikaner gehört zur Fischerfamilie, die seit 50 Jahren in der Bucht lebt. Er hat ein Schreiben auf Englisch dabei, in dem steht, dass Campen in dieser Bucht illegal sei, und erklärt uns, dass wir nach 72 Stunden abfahren müssten. Angesichts der dreisten Gringos, die sich hier auf fremdem Grund und Boden Dauercampingplätze einrichten, können wir das durchaus verstehen. Wir persönlich möchten keinesfalls auf einem Platz stehen, wo wir unerwünscht sind, und beschließen, am nächsten Morgen abzufahren.  

Warum sind eigentlich die Amerikaner in Mexiko so unbeliebt? Wir bekommen es am nächsten Morgen beispielhaft demonstriert. Der bewusste Amerikaner schert sich keinen Deut darum, dass die Bewohner der Bucht, mögen ihre Besitztitel nun wasserdicht sein oder nicht, keine Camper hier haben möchten. Zuerst rückt er mit allerlei Gerätschaften an und platziert sie etwas abseits von unserem Wohnmobil, später bringt er mit einer zweiten und dritten Fuhre Terrassensteine und Holzbalken. Allem Anschein nach will er sich vor seinem Wohnwagen eine überdachte Terrasse bauen. So viel Unverfrorenheit verschlägt uns glatt die Sprache.

Auch wenn die allermeisten amerikanischen Snowbirds, die zu Tausenden durchs Land ziehen, freundliche und hilfsbereite Zeitgenossen sind, letztendlich sind es die schlechten Erfahrungen mit einigen unangenehmen Typen, die die Mexikaner mit den Amerikanern assoziieren und somit für gegenseitige Spannungen und allgemeines Misstrauen sorgen.

 

 

 


Mit dem eigenen Wohnmobil nach Mexiko in die Baja California